Scheidung mit Kindern in Österreich: die ersten Schritte
Eine Scheidung mit Kindern braucht in Österreich mehr Vorbereitung als eine Scheidung ohne Kinder, weil Obsorge, Betreuung, Kontakte und Unterhalt geregelt werden müssen. Hier lesen Sie, welche Wege es gibt, was Sie für die Kinder vereinbaren müssen, welche Beratung Pflicht ist und in welcher Reihenfolge Sie am besten vorgehen.
Die Entscheidung ist gefallen, vielleicht vor Wochen, vielleicht gestern. Viele Eltern fühlen sich am Anfang überfordert: Was bedeutet das für die Kinder, wie soll der Alltag funktionieren und womit fängt man an? Die gute Nachricht ist, dass sich die Schritte gut ordnen lassen.
Hinweis: Dieser Artikel ist ein allgemeiner Überblick und keine Rechtsberatung. Mit konkreten Fragen wenden Sie sich an eine Anwältin oder einen Anwalt für Familienrecht, an ein Notariat oder an eine Familienberatungsstelle. Am Amtstag jedes Bezirksgerichts bekommen Sie kostenlos Auskunft.
Einvernehmlich oder strittig
Das Eherecht kennt zwei Hauptwege. Welcher für Sie in Frage kommt, hängt vor allem davon ab, ob Sie sich mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin einigen können.
Die einvernehmliche Scheidung
Die einvernehmliche Scheidung ist meist schneller, günstiger und für alle schonender. Voraussetzungen sind nach § 55a EheG, dass
- die eheliche Lebensgemeinschaft seit mindestens einem halben Jahr aufgehoben ist,
- beide zugestehen, dass die Ehe unheilbar zerrüttet ist, und
- beide die Scheidung wollen und eine schriftliche Vereinbarung über die Folgen vorlegen oder vor Gericht schließen.
Diese Vereinbarung muss regeln, in wessen Haushalt die Kinder hauptsächlich betreut werden oder wer die Obsorge hat, wie die Kontakte zum anderen Elternteil aussehen, wie viel Kindesunterhalt gezahlt wird, ob einer dem anderen Unterhalt zahlt und wie Vermögen, Ersparnisse und Ehewohnung aufgeteilt werden.
Den Antrag stellen Sie gemeinsam beim zuständigen Bezirksgericht. Beide müssen zum Termin persönlich kommen. Eine Anwaltspflicht gibt es nicht. Viele Paare lassen die Vereinbarung trotzdem fachlich aufsetzen, weil sie für Jahre gilt. Beachten Sie dabei, dass eine Anwältin oder ein Anwalt nur eine Seite vertreten kann.
Die strittige Scheidung
Ist ein Ehegatte nicht einverstanden, kann der andere auf Scheidung klagen, etwa wegen schwerer Eheverfehlungen (§ 49 EheG) oder weil die häusliche Gemeinschaft seit mindestens drei Jahren aufgehoben ist (§ 55 EheG). Das Verfahren dauert meist deutlich länger, kostet mehr und belastet die Kinder stärker.
In erster Instanz müssen Sie sich nicht anwaltlich vertreten lassen. Wer sich vertreten lässt, darf dafür aber nur eine Anwältin oder einen Anwalt bevollmächtigen (§ 29 ZPO). Weil es um Unterhalt und Vermögen geht, ist eine anwaltliche Vertretung bei einer strittigen Scheidung sehr zu empfehlen.
Auch bei verhärteten Fronten lohnt sich vorher ein Versuch mit einer Familienmediation. Sie wird abhängig vom Einkommen gefördert, und oft lässt sich so doch noch eine einvernehmliche Lösung finden.
Wenn Sie nicht verheiratet waren
Dann gibt es keine Scheidung. Obsorge, Betreuung, Kontakte und Unterhalt müssen Sie trotzdem regeln, durch eine Einigung oder beim Pflegschaftsgericht. Die Abschnitte über die Kinder gelten deshalb auch für Sie.
Was für die Kinder geregelt werden muss
Bei allen Fragen rund um die Kinder ist das Kindeswohl der Maßstab (§ 138 ABGB). Vier Themen müssen geklärt sein:
| Thema | Worum es geht | Grundlage |
|---|---|---|
| Obsorge | wer das Kind pflegt, erzieht, vertritt und sein Vermögen verwaltet | §§ 158 und 179 ABGB |
| hauptsächliche Betreuung | in wessen Haushalt das Kind hauptsächlich lebt | § 179 Abs. 2 ABGB |
| Kontakte | wann das Kind beim anderen Elternteil ist | § 187 ABGB |
| Unterhalt | wie viel der andere Elternteil in Geld zahlt | § 231 ABGB |
Obsorge
Haben beide Eltern die Obsorge, bleibt sie nach der Scheidung gemeinsam (§ 179 Abs. 1 ABGB). Beide entscheiden dann weiter gemeinsam über wichtige Fragen wie Schule, größere medizinische Behandlungen oder einen Umzug. Die Eltern können vor Gericht vereinbaren, dass ein Elternteil die Obsorge allein hat oder dass sie für einen Elternteil auf bestimmte Bereiche beschränkt wird.
Hauptsächliche Betreuung und Kontakte
Auch bei gemeinsamer Obsorge müssen die Eltern vor Gericht festlegen, in wessen Haushalt das Kind hauptsächlich betreut wird. Das Kind und der andere Elternteil haben ein Recht auf regelmäßige Kontakte (§ 187 ABGB). Wie diese aussehen, können Sie selbst vereinbaren. Gelingt das nicht, entscheidet das Gericht.
Kinder ab zehn Jahren hört das Gericht in der Regel persönlich an. Ab 14 Jahren können Kinder in Verfahren über Pflege, Erziehung und Kontakte selbst Anträge stellen, und Kontakte werden nicht gegen ihren ausdrücklichen Willen festgesetzt.
Wie der Kindesunterhalt berechnet wird
Unterhalt in Geld zahlt in der Regel der Elternteil, bei dem das Kind nicht hauptsächlich lebt. Die Gerichte rechnen meist mit einem Prozentsatz seines durchschnittlichen Nettoeinkommens:
| Alter des Kindes | Prozentsatz |
|---|---|
| unter 6 Jahren | 16 % |
| 6 bis 9 Jahre | 18 % |
| 10 bis 14 Jahre | 20 % |
| ab 15 Jahren | 22 % |
Ein vereinfachtes Beispiel: Ein Vater verdient im Schnitt 2.500 Euro netto im Monat, Urlaubs- und Weihnachtsgeld eingerechnet. Sein achtjähriges Kind lebt hauptsächlich bei der Mutter, und er hat keine weiteren Unterhaltspflichten. Dann ergibt sich ein Unterhalt von etwa 450 Euro im Monat.
Hat der unterhaltspflichtige Elternteil weitere Kinder oder einen unterhaltsberechtigten Ehegatten, sinkt der Prozentsatz. Bei hohen Einkommen gibt es eine Obergrenze, die sich an den Regelbedarfssätzen orientiert. Diese legt ein Rechtsmittelsenat des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien jedes Jahr fest. Eine erste Einschätzung gibt der Unterhaltsrechner auf Zweiheim.at.
Die verpflichtende Elternberatung
Haben Sie minderjährige Kinder, müssen Sie vor einer einvernehmlichen Scheidung eine Beratung über die Bedürfnisse Ihrer Kinder besuchen und dem Gericht bestätigen, dass Sie das getan haben (§ 95 Abs. 1a AußStrG). Diese Pflicht gibt es seit 2013.
In der Beratung geht es darum, wie es Ihren Kindern mit der Trennung geht, was sie jetzt brauchen und wie Sie Betreuung und Kommunikation gut regeln. Fachleute, die diese Beratung anbieten dürfen, finden Sie in einer Liste auf der Website des Justizministeriums. Die Kosten unterscheiden sich je nach Anbieter. Fragen Sie vorher nach, ob ein ermäßigter Tarif möglich ist.
Wie Sie Ihre Kinder begleiten
Das Rechtliche ist eine Seite. Für die Kinder ist oft wichtiger, wie die Eltern mit der Trennung umgehen.
Das Gespräch mit den Kindern
Sagen Sie Ihren Kindern früh und altersgerecht, was passiert. Kinder brauchen vor allem Sicherheit und wollen wissen, wie ihr Alltag künftig aussieht. Hilfreich ist,
- wenn beide Eltern gemeinsam mit dem Kind sprechen,
- dass Sie ehrlich sind und nichts versprechen, was Sie nicht halten können,
- dass Sie deutlich sagen, dass das Kind keine Schuld an der Trennung hat,
- dass Sie Ängste ernst nehmen und nachfragen und
- dass Sie den anderen Elternteil nicht schlechtmachen.
Loyalitätskonflikte vermeiden
Kinder brauchen die Erlaubnis beider Eltern, beide zu lieben. Haben sie das Gefühl, sich zwischen Mama und Papa entscheiden zu müssen, ist das für sie eine schwere Last. Rainbows bietet in Österreich Gruppen für Kinder und Jugendliche an, deren Eltern sich trennen.
Schritt für Schritt vorgehen
- Klären Sie, ob eine einvernehmliche Scheidung möglich ist. Sprechen Sie sachlich mit Ihrem Partner, wenn nötig mit Unterstützung einer Mediation.
- Holen Sie sich früh eine rechtliche Erstberatung, auch wenn Sie sich einig sind. Am Amtstag des Bezirksgerichts ist sie kostenlos.
- Sammeln Sie die Unterlagen, etwa Heiratsurkunde, Geburtsurkunden der Kinder, Staatsbürgerschaftsnachweise, Lichtbildausweise und Einkommensnachweise.
- Informieren Sie Ihre Kinder, möglichst gemeinsam, ehrlich und ohne Schuldzuweisungen.
- Besuchen Sie die verpflichtende Elternberatung.
- Treffen Sie keine schnellen Vereinbarungen unter Druck. Vor allem Betreuung, Kontakte und Unterhalt sollten gut überlegt sein.
- Planen Sie Ihre Finanzen realistisch. Zwei Haushalte kosten deutlich mehr als einer.
- Stellen Sie den gemeinsamen Antrag beim Bezirksgericht und legen Sie die Vereinbarung vor oder schließen Sie sie dort.
Tipp: Halten Sie Absprachen mit dem anderen Elternteil von Anfang an schriftlich fest, auch kleine. Das vermeidet Missverständnisse und hilft, falls später doch etwas strittig wird. Eine App wie Zweiheim.at hilft, Betreuungszeiten, Ausgaben und Nachrichten geordnet an einem Ort zu haben.
Vergessen Sie dabei sich selbst nicht. Eine Scheidung ist auch für Erwachsene ein Verlust. Beratung, Therapie oder Gespräche mit Freunden entlasten Sie, und davon profitieren auch Ihre Kinder.
Häufig gestellte Fragen
Wie lange dauert eine einvernehmliche Scheidung mit Kindern?
Liegen alle Unterlagen, die Bestätigung über die Elternberatung und eine fertige Vereinbarung vor, ist die Scheidung oft nach wenigen Wochen erledigt. Wie schnell es geht, hängt auch vom Gericht ab. Die Vereinbarung auszuhandeln dauert meist länger als das Verfahren selbst.
Wer bekommt nach der Scheidung die Obsorge?
Hatten beide Eltern die Obsorge, bleibt sie gemeinsam. Die Eltern können vor Gericht etwas anderes vereinbaren. Ohne Einigung entscheidet das Gericht nach dem Kindeswohl, etwa wenn ein Elternteil die alleinige Obsorge beantragt.
Brauche ich für die Scheidung eine Anwältin oder einen Anwalt?
Vorgeschrieben ist es weder bei der einvernehmlichen noch in erster Instanz bei der strittigen Scheidung. Wer sich vertreten lässt, darf aber nur eine Anwältin oder einen Anwalt bevollmächtigen. Bei einer strittigen Scheidung ist eine anwaltliche Vertretung sehr zu empfehlen.
Ab welchem Alter darf mein Kind mitentscheiden, wo es lebt?
Das Gericht berücksichtigt die Meinung des Kindes je nach Alter und Reife. Kinder ab zehn Jahren hört es in der Regel persönlich an. Ab 14 Jahren können Kinder selbst Anträge stellen. Die Entscheidung trifft das Gericht aber nach dem Kindeswohl, der Wunsch des Kindes ist dabei ein wichtiger Gesichtspunkt.
Was passiert, wenn wir uns beim Unterhalt nicht einigen?
Dann entscheidet das Bezirksgericht. Es rechnet meist mit der Prozentsatzmethode und berücksichtigt weitere Unterhaltspflichten und die Betreuung. Die Kinder- und Jugendhilfe kann das Kind dabei kostenlos vertreten.
Wo finde ich die verpflichtende Elternberatung?
Auf der Website des Justizministeriums gibt es eine Liste der Personen und Einrichtungen, die diese Beratung anbieten dürfen. Auch Ihr Bezirksgericht oder eine Familienberatungsstelle kann Ihnen Anbieter in Ihrer Nähe nennen.
Dieser Artikel bietet allgemeine Informationen zur Rechtslage in Österreich und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall. Kostenlose Erstauskunft gibt es zum Beispiel beim Amtstag Ihres Bezirksgerichts oder bei einer Familienberatungsstelle.
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