Resilienz: Was Kinder nach einer Scheidung stärkt
Resilienz heißt, dass ein Kind eine schwere Zeit gut übersteht. Eine Trennung der Eltern ist für Kinder belastend, die meisten kommen auf Dauer aber gut damit zurecht. Hier lesen Sie, was Kinder dabei schützt, woran Sie eine starke Belastung erkennen und was Sie als Elternteil konkret tun können.
In der Langzeitstudie der US-Psychologin Mavis Hetherington hatten rund drei von vier Kindern geschiedener Eltern einige Jahre nach der Scheidung keine ernsthaften psychischen oder sozialen Probleme. Bei Kindern aus nicht geschiedenen Familien waren es neun von zehn. Eine Trennung erhöht das Risiko also, sie legt aber nicht fest, wie es einem Kind später geht. Viel hängt davon ab, was nach der Trennung passiert.
Was Resilienz bedeutet
Resilienz ist die Fähigkeit, mit Belastungen fertig zu werden, ohne dauerhaft Schaden zu nehmen. Sie ist keine feste Eigenschaft, die ein Kind hat oder nicht hat. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Persönlichkeit und Umfeld und lässt sich stärken.
Resilient heißt auch nicht, dass ein Kind nicht traurig ist. Trauer, Wut oder Rückzug nach einer Trennung sind normale Reaktionen. Resilienz zeigt sich darin, dass sich ein Kind nach einer gewissen Zeit wieder fängt und seinen Alltag bewältigt.
Was Kinder am stärksten belastet
Für die meisten Kinder ist anhaltender Streit der Eltern schwerer zu verkraften als die Trennung selbst. Kinder, die erleben, wie ihre Eltern einander abwerten oder sie in Konflikte hineinziehen, sind deutlich stärker belastet als Kinder, deren Eltern sachlich miteinander umgehen.
In den Untersuchungen des US-Soziologen Paul Amato ging es Kindern aus sehr konfliktreichen Ehen nach der Scheidung im Schnitt besser als Kindern, deren Eltern trotz heftiger Konflikte zusammenblieben. Entscheidend ist also weniger, ob die Eltern zusammenleben, als wie sie miteinander umgehen.
Was Kinder schützt
Die Psychologin Emmy Werner hat auf der Insel Kauai in Hawaii Kinder über Jahrzehnte begleitet, die unter schwierigen Bedingungen aufwuchsen. Kinder, die sich trotz allem gut entwickelten, hatten fast immer mindestens eine verlässliche Bezugsperson. Spätere Forschung hat weitere Schutzfaktoren beschrieben. Für Kinder nach einer Trennung sind diese besonders wichtig:
- eine stabile Beziehung zu mindestens einem Erwachsenen, am besten zu beiden Eltern,
- Kontakt zu beiden Eltern, ohne sich für einen entscheiden zu müssen,
- Unterstützung außerhalb der Kernfamilie, etwa durch Großeltern, Freunde, Lehrerinnen oder einen Verein,
- ein Alltag mit festen Abläufen und
- die Erfahrung, selbst etwas bewirken zu können.
Eine verlässliche Bezugsperson
Verlässlich heißt nicht perfekt. Es heißt, dass das Kind weiß, dass diese Person da ist, zuhört und Zusagen einhält. Für Sie als Elternteil bedeutet das, Absprachen einzuhalten, pünktlich zu sein und ansprechbar zu bleiben, auch wenn Sie selbst gerade viel zu tragen haben.
Kontakt zu beiden Eltern
Kinder lieben in der Regel beide Eltern. Verlieren sie einen davon aus dem Alltag, ist das eine eigene Belastung. Das österreichische Recht berücksichtigt das. Zu den Kriterien des Kindeswohls gehören verlässliche Kontakte zu beiden Elternteilen und die Vermeidung von Loyalitätskonflikten (§ 138 ABGB). Waren die Eltern verheiratet, bleibt die Obsorge nach der Scheidung grundsätzlich gemeinsam (§ 179 ABGB).
Wichtig ist, dass das Kind spürt, dass es den anderen Elternteil lieben darf. Sagen Sie ihm das ruhig ausdrücklich.
Feste Abläufe
Nach einer Trennung ändert sich für Kinder vieles auf einmal. Gleichbleibende Abläufe geben Halt, etwa ähnliche Schlafenszeiten, gemeinsame Mahlzeiten und ein fester Platz für die Hausübung. Die beiden Haushalte müssen nicht gleich sein. Es hilft aber, wenn sich die Eltern bei den wichtigsten Regeln abstimmen und die Übergaben vorhersehbar sind.
Selbstwirksamkeit
Die Trennung selbst kann ein Kind nicht beeinflussen. Umso wichtiger ist, dass es in anderen Bereichen erlebt, dass seine Meinung zählt und es etwas schafft. Lassen Sie Ihr Kind kleine Dinge mitentscheiden, etwa wie es sein Zimmer in der neuen Wohnung einrichtet. Hobbys, Sport und Freundschaften stärken das Selbstvertrauen. Große Entscheidungen, etwa bei wem es wohnt, sollten Sie Ihrem Kind aber nicht aufbürden.
Wie Kinder reagieren können
Kinder reagieren sehr unterschiedlich auf eine Trennung. Diese Reaktionen kommen häufig vor:
| Reaktion | Was dahinterstecken kann | Was hilft |
|---|---|---|
| Wut oder Rückzug | Überforderung, Trauer | Ruhe, feste Abläufe, Gesprächsangebote |
| Kind wirkt unberührt | echte Gelassenheit oder unterdrückte Gefühle | ab und zu nachfragen, ohne zu drängen |
| Probleme in der Schule | die Belastung drückt auf die Konzentration | Schule informieren, Druck herausnehmen |
| Bauch- oder Kopfweh | Stress zeigt sich körperlich | ärztlich abklären lassen, Gefühle ansprechen |
| Rückfall in frühere Entwicklungsstufen, etwa Einnässen | Stressreaktion, vor allem bei kleinen Kindern | Geduld, kein Schimpfen, bei längerer Dauer Beratung |
Nicht jede schlechte Laune ist ein Warnsignal. Halten Veränderungen aber über Wochen an, werden sie stärker oder beeinträchtigen sie Schule, Schlaf oder Freundschaften, holen Sie sich fachlichen Rat.
Wie Sie mit Ihrem Kind sprechen
Kinder brauchen ehrliche Informationen in einer Form, die sie verstehen. Schweigen verunsichert sie mehr als die Wahrheit, weil sie sich sonst eigene Erklärungen zurechtlegen. Viele Kinder glauben, sie seien an der Trennung schuld. Sagen Sie deutlich, dass das nicht so ist.
- Kleinen Kindern bis etwa fünf Jahre reichen einfache, konkrete Sätze, zum Beispiel: „Mama und Papa wohnen jetzt in zwei Wohnungen. Wir haben dich beide lieb.“
- Schulkinder verstehen mehr. Nehmen Sie ihre Fragen ernst, ohne Details aus der Paarbeziehung zu erzählen.
- Mit Jugendlichen können Sie offener reden. Sie bleiben aber Elternteil und sollten Ihr Kind nicht zum Vertrauten in Paarthemen machen.
Wenn es möglich ist, sagen Sie es Ihrem Kind gemeinsam mit dem anderen Elternteil.
Was Sie vermeiden sollten
Trennungen sind belastend, und niemand macht in dieser Zeit alles richtig. Einige Verhaltensweisen setzen Kindern aber besonders zu und lassen sich vermeiden:
- das Kind als Boten einsetzen, etwa mit „Sag deinem Vater, dass …“,
- den anderen Elternteil vor dem Kind schlechtmachen,
- das Kind zum Tröster oder Partnerersatz machen, was man Parentifizierung nennt,
- das Kind fragen, bei wem es lieber wohnen will, und
- so tun, als wäre nichts passiert.
Tipp: Merken Sie, dass Sie bei Ihrem Kind über den anderen Elternteil klagen, halten Sie inne. Suchen Sie sich für Ihren Ärger einen erwachsenen Gesprächspartner, etwa eine Freundin, eine Beratungsstelle oder eine Therapeutin.
Auf sich selbst achten
Wie es Kindern nach einer Trennung geht, hängt stark davon ab, wie es den Eltern geht. Eltern, die selbst halbwegs stabil sind, können ihren Kindern mehr Halt geben. Kinder lernen außerdem durch Beobachtung. Sehen sie, dass ein Elternteil eine Krise bewältigt, lernen sie, dass das möglich ist.
Nehmen Sie deshalb auch für sich Unterstützung an, durch Freunde, Familie, Beratung oder Therapie. Das hilft auch Ihrem Kind.
Unterstützung in Österreich
Hilfe gibt es für Eltern und für die Kinder selbst:
- Rainbows bietet in Österreich Gruppen für Kinder und Jugendliche an, deren Eltern sich getrennt haben. Die Eltern werden dabei einbezogen. Mehr unter rainbows.at.
- Die vom Bund geförderten Familienberatungsstellen beraten kostenlos, auch zu Trennung und Scheidung.
- Eine Familienmediation hilft Eltern, sich über Betreuung und Geld zu einigen. Sie wird abhängig vom Einkommen gefördert.
- Die Schulpsychologie unterstützt Schülerinnen, Schüler und Eltern kostenlos.
- Rat auf Draht ist unter der Nummer 147 rund um die Uhr für Kinder und Jugendliche erreichbar, anonym und kostenlos.
So stärken Sie Ihr Kind
- Sprechen Sie ehrlich und altersgerecht mit Ihrem Kind und sagen Sie ihm, dass es keine Schuld trägt.
- Halten Sie Streit mit dem anderen Elternteil von Ihrem Kind fern.
- Erlauben Sie Ihrem Kind ausdrücklich, beide Eltern zu lieben.
- Sorgen Sie in beiden Haushalten für verlässliche Abläufe und vorhersehbare Übergaben.
- Achten Sie auf Ihre eigene Stabilität und nehmen Sie Hilfe an.
- Holen Sie früh fachlichen Rat, wenn Ihr Kind über Wochen auffällig bleibt.
Eine App wie Zweiheim.at hilft, Termine, Übergaben und Absprachen mit dem anderen Elternteil sachlich und übersichtlich zu halten. Das nimmt manchem Streit den Anlass.
Die Trennung lässt sich für das Kind nicht ungeschehen machen. Wie es die Zeit danach erlebt, können Eltern aber stark beeinflussen.
Häufig gestellte Fragen
Wie lange brauchen Kinder, um eine Trennung zu verarbeiten?
Das ist sehr unterschiedlich und hängt vom Alter, vom Ausmaß des Streits und von der Unterstützung ab, die das Kind bekommt. Viele Kinder stabilisieren sich im Lauf von ein bis zwei Jahren. Bleiben Auffälligkeiten länger bestehen oder werden sie stärker, ist fachliche Hilfe sinnvoll.
Ab welchem Alter merkt ein Kind die Trennung?
Schon Babys und Kleinkinder spüren, wenn sich Stimmung und Alltag verändern, auch wenn sie nicht verstehen, was eine Trennung ist. Deshalb brauchen auch sehr kleine Kinder einfache Erklärungen, Nähe und gewohnte Abläufe.
Soll ich meinem Kind sagen, warum wir uns getrennt haben?
Ja, aber altersgerecht und ohne Details aus der Paarbeziehung. Eine Erklärung wie „Wir verstehen uns als Paar nicht mehr. Das hat nichts mit dir zu tun.“ reicht meistens. Themen wie Untreue oder Geldstreit gehören nicht in das Gespräch mit dem Kind.
Was tun, wenn mein Kind den anderen Elternteil ablehnt?
Nehmen Sie die Gefühle Ihres Kindes ernst, ohne sie zu verstärken oder abzutun. Ablehnung kann viele Gründe haben, von schlechten Erfahrungen bis zu einem Loyalitätskonflikt. Eine Familienberatungsstelle kann helfen, die Ursache zu klären und einen Weg zu finden.
Ist gemeinsame Obsorge immer das Beste für das Kind?
In vielen Fällen ja, weil beide Eltern Verantwortung behalten. Waren die Eltern verheiratet, bleibt sie nach der Scheidung grundsätzlich bestehen. Bei schweren, anhaltenden Konflikten oder einer Gefährdung des Kindes kann das Gericht anders entscheiden. Maßstab ist immer das Kindeswohl (§ 138 ABGB).
Wann sollte ich für mein Kind Hilfe suchen?
Wenn Auffälligkeiten über mehrere Wochen anhalten, stärker werden oder Schule, Schlaf und Freundschaften deutlich beeinträchtigen. Sie können sich aber auch früher beraten lassen, etwa wenn Sie unsicher sind, wie Sie mit Ihrem Kind über die Trennung reden sollen. Familienberatungsstellen beraten kostenlos.
Dieser Artikel bietet allgemeine Informationen zur Rechtslage in Österreich und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall. Kostenlose Erstauskunft gibt es zum Beispiel beim Amtstag Ihres Bezirksgerichts oder bei einer Familienberatungsstelle.
Ihr nächster Schritt
Was bedeutet das für Ihre Familie?
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