Kind sitzt traurig auf dem Sofa
Foto: Vitaly Gariev
Emotionen & Psychologie13. Oktober 20268 Min. Lesezeit

Parental Alienation: Warnzeichen erkennen, Hilfe finden

Parental Alienation, auf Deutsch Eltern-Kind-Entfremdung, ist eines der heikelsten Themen bei Trennungen. Hier lesen Sie, was hinter dem Begriff steckt, warum er umstritten ist, welche Warnzeichen es gibt, wie Sie eine Entfremdung von einer berechtigten Schutzreaktion unterscheiden und wo Sie in Österreich Hilfe finden.

Die meisten getrennten Eltern finden mit der Zeit einen Weg, der für die Kinder passt, auch wenn es schwer ist. Manchmal aber eskaliert der Konflikt. Ein Kind zieht sich von einem Elternteil zurück, will nicht mehr zu ihm und wiederholt Sätze, die nicht nach ihm selbst klingen. Dann fällt oft das Schlagwort Entfremdung.

Was der Begriff bedeutet

Der US-Kinderpsychiater Richard Gardner prägte in den 1980er-Jahren den Begriff Parental Alienation Syndrome, kurz PAS. Er beschrieb damit ein Muster, bei dem ein Elternteil das Kind so stark gegen den anderen beeinflusst, dass es diesen ohne echten Grund ablehnt.

Heute werden mehrere Begriffe unterschieden:

  • PAS als angebliches Krankheitsbild ist wissenschaftlich nicht anerkannt. Es ist weder in der ICD-11 der Weltgesundheitsorganisation noch im DSM-5 als Diagnose enthalten.
  • Eltern-Kind-Entfremdung beschreibt das beobachtbare Muster, dass ein Kind einen Elternteil ablehnt, weil es vom anderen beeinflusst wird. Ob und wie man dieses Muster sicher erkennen kann, ist in der Fachwelt umstritten.
  • Ein Loyalitätskonflikt ist häufiger und weniger tiefgreifend. Das Kind fühlt sich zwischen den Eltern hin- und hergerissen, ohne einen Elternteil ganz abzulehnen.

Warum die Debatte so heftig ist

Kritikerinnen und Kritiker warnen, dass der Vorwurf der Entfremdung missbraucht werden kann. Hat ein Kind Gewalt erlebt und lehnt deshalb einen Elternteil ab, darf diese Schutzreaktion nicht als Manipulation durch den anderen Elternteil umgedeutet werden. Eine UN-Sonderberichterstatterin zu Gewalt gegen Frauen hat 2023 in einem Bericht an den UN-Menschenrechtsrat kritisiert, dass das Konzept in Sorgerechtsverfahren gegen Mütter und Kinder eingesetzt wird, die Gewalt erlebt haben.

Auf der anderen Seite berichten betroffene Eltern, dass sie den Kontakt zu ihren Kindern verloren haben, weil der andere Elternteil diesen gezielt verhindert hat. Beides kommt vor. Deshalb ist eine sorgfältige Abklärung im Einzelfall so wichtig.

Mögliche Warnzeichen

Eine Entfremdung entsteht selten von heute auf morgen. Fachleute achten auf Muster bei beiden Seiten. Keines dieser Zeichen beweist für sich allein etwas.

Beim Elternteil, der beeinflussen könnte

  • abwertende Bemerkungen über den anderen Elternteil vor dem Kind,
  • Kontakte werden ohne triftigen Grund verhindert oder immer wieder abgesagt,
  • das Kind erfährt Dinge, die nicht für Kinder bestimmt sind, etwa über Geld, Schuld oder Gerichtsverfahren,
  • das Kind wird nach Besuchen ausgefragt,
  • das Kind wird als Verbündeter oder Bote eingesetzt und
  • das Kind spürt Druck oder Enttäuschung, wenn es gut über den anderen Elternteil spricht.

Beim Kind

  • plötzliche, pauschale Ablehnung eines Elternteils ohne erkennbaren Anlass,
  • Sätze, die nicht zu Sprache oder Alter des Kindes passen,
  • das Kind kann sich an nichts Gutes mit dem abgelehnten Elternteil erinnern,
  • auffällig starke Parteinahme für einen Elternteil,
  • Schuldgefühle, wenn es beim anderen Elternteil Spaß hatte, und
  • Angst, die Zuneigung des betreuenden Elternteils zu verlieren.

Tipp: Nicht jede Ablehnung ist Entfremdung. Kinder haben eigene Gefühle, die ernst genommen werden müssen. Der richtige erste Schritt ist eine Abklärung durch eine Fachperson, etwa eine Kinderpsychologin oder eine Familienberatungsstelle.

Entfremdung oder berechtigte Schutzreaktion

Das ist der heikelste Punkt. Ein Kind kann gute Gründe haben, einen Elternteil abzulehnen, etwa nach Gewalt, Missbrauch oder schwerer Vernachlässigung. Dann würde ein erzwungener Kontakt dem Kind schaden.

Gegen eine Entfremdung spricht zum Beispiel, wenn

  • das Kind eigene, konkrete schlechte Erfahrungen mit dem abgelehnten Elternteil schildert,
  • seine Ablehnung zu seinem Alter passt und über die Zeit gleich bleibt,
  • Fachleute nach einer Abklärung keine Beeinflussung feststellen und
  • sonst nichts auf eine Beeinflussung durch den betreuenden Elternteil hindeutet.

Wenn Sie befürchten, dass Ihr Kind gegen Sie beeinflusst wird, oder wenn Ihnen Entfremdung vorgeworfen wird, obwohl Sie Ihr Kind schützen wollen: Holen Sie sich in beiden Fällen früh fachliche und rechtliche Unterstützung.

Was rechtlich gilt

Einen eigenen gesetzlichen Tatbestand für Entfremdung gibt es in Österreich nicht. Es gelten die allgemeinen Regeln:

Regel Inhalt
Kindeswohl (§ 138 ABGB) Maßstab aller Entscheidungen, dazu gehören verlässliche Kontakte zu beiden Eltern, die Vermeidung von Loyalitätskonflikten und der Schutz vor Gewalt
Wohlverhaltensgebot (§ 159 ABGB) beide Eltern müssen alles unterlassen, was die Beziehung des Kindes zum anderen Elternteil beeinträchtigt
Kontaktrecht (§ 187 ABGB) das Kind und jeder Elternteil haben ein Recht auf regelmäßige Kontakte
Maßnahmen des Gerichts (§ 107 Abs. 3 AußStrG) etwa verpflichtende Familienberatung oder ein Erstgespräch über Mediation
Durchsetzung (§ 110 AußStrG) Zwangsmittel wie Geldstrafen, wenn eine gerichtliche Kontaktregelung missachtet wird

Hinweis: Dieser Abschnitt ist ein allgemeiner Überblick und keine Rechtsberatung. Mit konkreten Fragen wenden Sie sich an eine Anwältin oder einen Anwalt für Familienrecht oder an eine Familienberatungsstelle.

Was das Gericht tun kann

Verhindert ein Elternteil Kontakte, kann das Gericht

  1. die Familiengerichtshilfe beauftragen, die Lage abzuklären und zu vermitteln,
  2. eine Besuchsbegleitung anordnen (§ 111 AußStrG),
  3. die Eltern zu einer Beratung verpflichten,
  4. eine bestehende Kontaktregelung mit Zwangsmitteln durchsetzen,
  5. die Kontaktregelung ändern und
  6. in schweren Fällen auch die Obsorge oder Betreuung neu regeln.

Lehnt ein Jugendlicher ab 14 Jahren den Kontakt ausdrücklich ab, setzt das Gericht keine Kontaktregelung gegen seinen Willen fest (§ 108 AußStrG). Bei jüngeren Kindern prüft das Gericht, woher die Ablehnung kommt, oft mit Hilfe eines psychologischen Gutachtens.

Was es für Kinder bedeutet

Wird ein Kind dauerhaft gegen einen Elternteil aufgebracht, verliert es oft eine wichtige Bezugsperson und einen Teil seiner Familiengeschichte. Viele Kinder entwickeln Schuldgefühle, manchmal erst Jahre später. Ein Kind darf nie in die Lage kommen, sich für oder gegen einen Elternteil entscheiden zu müssen.

Genauso schadet es einem Kind, wenn es gegen seinen Willen und gegen seine Erfahrungen zu einem Elternteil gezwungen wird, vor dem es Angst hat. Deshalb braucht es in jedem Fall eine sorgfältige Abklärung.

Wo Sie Hilfe finden

Egal auf welcher Seite Sie stehen, diese Stellen können unterstützen.

Für Eltern

  • Die vom Bund geförderten Familienberatungsstellen beraten kostenlos in ganz Österreich.
  • Die Kinder- und Jugendhilfe ist zuständig, wenn das Wohl eines Kindes gefährdet sein könnte.
  • Eine Anwältin oder ein Anwalt für Familienrecht berät zu rechtlichen Schritten.
  • Eine Familienmediation kann helfen, solange der Konflikt noch nicht verhärtet ist.

Für Kinder und Jugendliche

  • Rainbows begleitet Kinder und Jugendliche nach einer Trennung in Gruppen.
  • Rat auf Draht ist rund um die Uhr unter 147 erreichbar, kostenlos und anonym.
  • Kinder- und Jugendpsychologinnen und -psychologen können abklären und begleiten.
  • Die Kinder- und Jugendanwaltschaft Ihres Bundeslandes berät kostenlos.

Was Sie jetzt tun können

  1. Holen Sie sich fachliche Beratung. Eine Familienberatungsstelle oder eine Kinderpsychologin kann die Lage von außen einschätzen, ohne die Verstrickung, die Eltern zwangsläufig haben.
  2. Halten Sie sachlich fest, was passiert: abgesagte Kontakte, ausgefallene Übergaben, auffällige Äußerungen des Kindes, jeweils mit Datum und ohne Wertung. Das hilft in Gesprächen mit Fachleuten und vor Gericht.
  3. Prüfen Sie Ihr eigenes Verhalten. Reden Sie schlecht über den anderen Elternteil, wenn das Kind zuhören könnte? Fragen Sie das Kind nach Besuchen aus? Ehrlich hinzuschauen ist schwer, aber nötig.
  4. Halten Sie das Kind aus dem Konflikt heraus. Es ist kein Bote, kein Verbündeter und kein Tröster für Erwachsene.
  5. Lassen Sie sich rechtlich beraten, wenn Kontakte immer wieder verhindert werden.

Eine App wie Zweiheim.at kann helfen, Termine, Nachrichten und Ausgaben sachlich und nachvollziehbar zu organisieren.

Häufig gestellte Fragen

Was bedeutet Parental Alienation auf Deutsch?

Auf Deutsch spricht man von Eltern-Kind-Entfremdung. Gemeint ist, dass ein Kind einen Elternteil ablehnt, weil der andere Elternteil es beeinflusst hat. Der ältere Begriff Parental Alienation Syndrome ist als Diagnose nicht anerkannt, und auch das Konzept der Entfremdung ist in der Fachwelt umstritten.

Ist Entfremdung in Österreich strafbar?

Nein, einen eigenen Straftatbestand gibt es nicht. Verhindert ein Elternteil wiederholt Kontakte, kann das aber familienrechtliche Folgen haben, etwa Zwangsmittel, eine neue Kontaktregelung oder in schweren Fällen eine Änderung der Obsorge.

Wie kann ich belegen, dass mein Kind beeinflusst wird?

Das ist schwierig. Hilfreich sind sachliche, datierte Aufzeichnungen und eine fachliche Einschätzung, etwa durch eine Kinderpsychologin. Das Gericht kann die Familiengerichtshilfe beauftragen oder ein psychologisches Gutachten einholen.

Können auch Väter ein Kind gegen den anderen Elternteil beeinflussen?

Ja. Das kann jeder Elternteil tun, unabhängig vom Geschlecht. Jeder Fall muss einzeln und ohne Vorannahmen betrachtet werden.

Was tun, wenn mein Kind den Kontakt zu mir verweigert?

Setzen Sie Ihr Kind nicht unter Druck. Suchen Sie zuerst eine Familienberatungsstelle oder eine Kinderpsychologin auf und lassen Sie klären, ob die Ablehnung auf eigenen Erfahrungen des Kindes beruht oder auf einer Beeinflussung. Rechtliche Schritte sind meist erst danach sinnvoll.

Hilft Mediation bei Entfremdung?

Solange der Konflikt noch nicht verhärtet ist und beide Eltern mitmachen, kann Mediation helfen. Ist die Entfremdung weit fortgeschritten oder verweigert ein Elternteil die Mediation, braucht es fachliche Begleitung und oft das Gericht. Eine Mediation ersetzt keine psychologische Abklärung.

Dieser Artikel bietet allgemeine Informationen zur Rechtslage in Österreich und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall. Kostenlose Erstauskunft gibt es zum Beispiel beim Amtstag Ihres Bezirksgerichts oder bei einer Familienberatungsstelle.

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