Kindeswohl bei Trennung: Was Kinder wirklich brauchen
Das Kindeswohl ist bei einer Trennung in Österreich der Maßstab für alle Entscheidungen über das Kind. Hier lesen Sie, was das Gesetz darunter versteht, was Kinder nach einer Trennung fühlen und brauchen, welche Risiken und Schutzfaktoren es gibt und wie Sie mit Ihrem Kind über die Trennung sprechen.
Für Kinder bedeutet eine Trennung, dass sich die Familie, die sie kennen, grundlegend verändert. Was sie in dieser Zeit erleben, hängt stark davon ab, wie die Erwachsenen mit der Situation umgehen.
Was das Gesetz unter Kindeswohl versteht
In allen Angelegenheiten, die ein minderjähriges Kind betreffen, vor allem bei Obsorge und Kontaktrecht, ist das Kindeswohl der leitende Gesichtspunkt (§ 138 ABGB). Das Gesetz nennt dafür zwölf Kriterien. Dazu gehören unter anderem
- eine angemessene Versorgung und sorgfältige Erziehung,
- Fürsorge, Geborgenheit und Schutz der körperlichen und seelischen Integrität,
- Wertschätzung und Akzeptanz durch die Eltern,
- die Förderung der Anlagen und Fähigkeiten des Kindes,
- die Berücksichtigung seiner Meinung, je nach Verständnis und Alter,
- der Schutz vor Gewalt, auch davor, Gewalt an wichtigen Bezugspersonen mitzuerleben,
- verlässliche Kontakte zu beiden Elternteilen und sichere Bindungen und
- die Vermeidung von Loyalitätskonflikten und Schuldgefühlen.
Kindeswohl heißt also nicht, dass ein Elternteil gewinnt. Es heißt, dass die Bedürfnisse des Kindes im Mittelpunkt stehen.
Hinweis: Dieser Artikel ist ein allgemeiner Überblick und keine Rechtsberatung. Mit konkreten Fragen wenden Sie sich an eine Familienberatungsstelle oder an eine Anwältin oder einen Anwalt für Familienrecht.
Was Kinder nach einer Trennung fühlen
Kinder verarbeiten eine Trennung anders als Erwachsene und zeigen ihren Kummer oft nicht direkt. Häufig sind
- Schuldgefühle, weil viele Kinder glauben, sie hätten die Trennung verursacht,
- das Gefühl, zwischen zwei Welten zu stehen,
- Sehnsucht nach dem Elternteil, der gerade nicht da ist,
- die Hoffnung, die Familie komme wieder zusammen, und
- Loyalitätskonflikte, besonders wenn die Eltern schlecht übereinander reden.
Die erste Zeit nach der Trennung ist meist die schwierigste. Kinder brauchen dann besonders viel Verlässlichkeit und Geduld. Wie gut sie langfristig zurechtkommen, hängt weniger von der Trennung selbst ab als davon, wie die Eltern danach miteinander umgehen.
Was dem Kindeswohl schadet
| Risiko | Warum es schadet |
|---|---|
| Streit vor dem Kind | das Kind fühlt sich hilflos, zerrissen und oft schuldig |
| das Kind als Boten oder Spion einsetzen | es gerät zwischen die Fronten und muss Geheimnisse tragen |
| den anderen Elternteil abwerten | Kinder fühlen sich beiden Eltern verbunden, die Kritik trifft sie selbst |
| unklare Abläufe | unberechenbare Übergaben verunsichern Kinder |
| keine Absprachen zwischen den Eltern | das Kind spürt die Anspannung und fängt Lücken auf |
| ein Umzug weit weg ohne Plan | der Alltagskontakt zu einem Elternteil bricht weg |
Am stärksten schadet es Kindern, wenn die Eltern ihren Streit über das Kind austragen.
Was Kinder stark macht
Eltern können viel dazu beitragen, dass ihr Kind die Trennung gut übersteht.
Eltern, die zusammenarbeiten
Kinder brauchen keine perfekten Eltern. Sie brauchen Eltern, die trotz Trennung respektvoll miteinander umgehen und die wichtigen Dinge gemeinsam regeln. Das ist der wichtigste Schutz für ein Kind.
Verlässlicher Kontakt zu beiden
Das Gesetz nennt verlässliche Kontakte zu beiden Elternteilen ausdrücklich als Kriterium des Kindeswohls. Wichtiger als die Frage, wer das Kind „hat“, ist, dass es beide Eltern regelmäßig sieht und auch den Alltag mit beiden erlebt, nicht nur Ausflüge am Wochenende.
Stabilität im Alltag
Feste Übergabezeiten, klare Regeln und vertraute Abläufe geben Kindern Sicherheit und helfen ihnen, sich in zwei Haushalten zu Hause zu fühlen.
Was rechtlich gilt
Das Kindeswohl bestimmt auch die Regeln zu Obsorge, Kontaktrecht und Scheidung.
Obsorge und Kontaktrecht
Waren die Eltern verheiratet, haben sie die Obsorge nach der Trennung grundsätzlich weiter gemeinsam. Bei unverheirateten Eltern hat zunächst die Mutter die Obsorge allein, außer die Eltern haben die gemeinsame Obsorge bestimmt. Bei gemeinsamer Obsorge entscheiden beide über wichtige Fragen und legen fest, in welchem Haushalt das Kind hauptsächlich betreut wird.
Das Kontaktrecht ist ein Recht des Kindes und des Elternteils, bei dem es nicht hauptsächlich lebt (§ 187 ABGB). Es soll regelmäßige Kontakte ermöglichen, die zur Beziehung und zum Alter des Kindes passen.
Beratung vor der einvernehmlichen Scheidung
Wollen Eltern minderjähriger Kinder sich einvernehmlich scheiden lassen, müssen sie vorher bei einer geeigneten Stelle eine Beratung über die Bedürfnisse ihrer Kinder besuchen (§ 95 Abs. 1a AußStrG). Welche Stellen das anbieten, steht auf der Seite des Bundeskanzleramts zur Beratung vor einvernehmlicher Scheidung.
Die Meinung des Kindes
Das Gericht berücksichtigt die Meinung des Kindes, je älter und reifer es ist, desto stärker. Kinder ab zehn Jahren hört es in der Regel persönlich an. Lehnt ein Jugendlicher ab 14 Jahren den Kontakt zu einem Elternteil ausdrücklich ab und scheitert eine gütliche Einigung, setzt das Gericht keine Kontaktregelung gegen seinen Willen durch (§ 108 AußStrG).
Doppelresidenz oder Residenzmodell
Beim Residenzmodell lebt das Kind hauptsächlich bei einem Elternteil und ist regelmäßig beim anderen. Bei der Doppelresidenz teilen sich die Eltern die Betreuung ungefähr gleich. Beides kann dem Kindeswohl entsprechen.
Eine Doppelresidenz funktioniert meist nur, wenn
- die Eltern ausreichend miteinander reden können,
- die Wohnungen nahe beieinanderliegen, idealerweise mit derselben Schule,
- beide Eltern flexibel sind und
- beide Haushalte stabil sind.
Welches Modell passt, hängt vom Alter, vom Temperament und von den Wünschen des Kindes ebenso ab wie von den Lebensumständen der Eltern. Eine Familienberatung oder Mediation hilft, eine Lösung zu finden.
Mit dem Kind über die Trennung sprechen
- Sprechen Sie, wenn möglich, gemeinsam mit dem Kind.
- Bleiben Sie ehrlich, aber kindgerecht. Keine Details aus dem Streit der Eltern, aber auch keine Lügen.
- Sagen Sie ausdrücklich, dass das Kind nicht schuld ist.
- Betonen Sie, was bleibt: „Wir sind und bleiben deine Eltern.“
- Lassen Sie Raum für Fragen und für Gefühle, ob Weinen, Wut oder Schweigen.
- Fragen Sie in den Wochen danach immer wieder nach. Ein Gespräch reicht nicht.
Tipp: Machen Sie Ihr Kind nie zum Boten oder zur Informationsquelle über den anderen Elternteil. Was die Eltern regeln müssen, regeln sie direkt miteinander.
Unterstützung
Für Kinder gibt es Gruppen und Beratung, etwa bei Rainbows, einem Verein, der Kinder nach Trennungen begleitet, bei der Schulpsychologie und bei der Kinder- und Jugendanwaltschaft Ihres Bundeslandes. Kinder und Jugendliche erreichen Rat auf Draht kostenlos unter 147.
Eltern finden Hilfe in den vom Bund geförderten Familienberatungsstellen, in einer Mediation und bei Fragen zu Obsorge und Unterhalt bei einer Anwältin oder einem Anwalt. Eine App wie Zweiheim.at hilft, Betreuung und Absprachen im Alltag zu organisieren.
Was im Alltag hilft
- Schaffen Sie verlässliche Abläufe in beiden Haushalten.
- Sprechen Sie respektvoll über den anderen Elternteil. Kinder fühlen sich beiden verbunden.
- Halten Sie das Kind aus Konflikten heraus. Es soll nie zwischen Ihnen wählen müssen.
- Fragen Sie immer wieder nach, wie es Ihrem Kind geht. Kinder verarbeiten eine Trennung in Wellen.
- Holen Sie sich selbst Unterstützung, wenn Sie merken, dass Ihnen die Kraft ausgeht.
Was Kinder nach einer Trennung brauchen, ist im Kern einfach: Zuwendung, Stabilität, Kontakt zu beiden Eltern und die Gewissheit, nicht schuld zu sein.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet Kindeswohl nach österreichischem Recht?
Das Kindeswohl ist in § 138 ABGB geregelt. Es ist der leitende Gesichtspunkt bei allen Entscheidungen über ein minderjähriges Kind. Das Gesetz nennt zwölf Kriterien, darunter Versorgung und Erziehung, Geborgenheit, Schutz vor Gewalt, die Meinung des Kindes, verlässliche Kontakte zu beiden Eltern und die Vermeidung von Loyalitätskonflikten.
Wie erkläre ich meinem Kind die Trennung altersgerecht?
Ehrlich, aber ohne Details aus dem Streit. Sagen Sie klar, dass das Kind nicht schuld ist und dass beide Eltern für es da bleiben. Jüngeren Kindern helfen einfache Sätze und Bilderbücher, älteren offene Gespräche.
Ist die Doppelresidenz besser für das Kindeswohl?
Nicht automatisch. Sie kann gut sein, wenn die Eltern gut miteinander reden, nahe beieinander wohnen und das Kind damit zurechtkommt. Ein Residenzmodell mit Eltern, die gut zusammenarbeiten, ist für ein Kind besser als eine Doppelresidenz voller Streit.
Ab welchem Alter darf ein Kind selbst entscheiden, bei wem es lebt?
Eine feste Grenze gibt es nicht. Die Meinung des Kindes zählt umso mehr, je älter und reifer es ist, entscheiden müssen aber die Eltern oder das Gericht. Ab 14 Jahren kann ein Jugendlicher nicht gegen seinen ausdrücklichen Willen zu Kontakten mit einem Elternteil verpflichtet werden.
Was kann ich tun, wenn der andere Elternteil das Kind gegen mich aufbringt?
Suchen Sie zuerst ein ruhiges Gespräch. Hilft das nicht, kann eine Mediation oder Familienberatung vermitteln. Bei anhaltenden Problemen können Sie sich anwaltlich beraten lassen. Das Gericht kann zum Beispiel eine Beratung anordnen oder die Kontakte neu regeln.
Muss ich vor der Scheidung eine Elternberatung machen?
Bei einer einvernehmlichen Scheidung mit minderjährigen Kindern ja. Beide Eltern müssen dem Gericht bescheinigen, dass sie sich über die Bedürfnisse ihrer Kinder haben beraten lassen. Die anerkannten Stellen finden Sie beim Bundeskanzleramt.
Dieser Artikel bietet allgemeine Informationen zur Rechtslage in Österreich und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall. Kostenlose Erstauskunft gibt es zum Beispiel beim Amtstag Ihres Bezirksgerichts oder bei einer Familienberatungsstelle.
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