Getrennt leben, gemeinsam erziehen: So gelingt Co-Parenting
Getrennt leben, gemeinsam erziehen: Das ist die Idee hinter Co-Parenting. Hier lesen Sie, was das im Alltag bedeutet, welche Betreuungsmodelle es gibt, woran Co-Parenting oft scheitert und wie Sie als Eltern trotz Trennung ein Team bleiben.
Eine Trennung verändert vieles: das Zuhause, den Alltag, die Pläne für die Zukunft. Eines bleibt: Sie sind beide Eltern. Wie gut Ihnen das nach der Trennung gelingt, hat großen Einfluss darauf, wie es Ihren Kindern geht.
Was Co-Parenting bedeutet
Co-Parenting heißt, dass beide Eltern nach einer Trennung weiter gemeinsam Verantwortung für ihre Kinder tragen, auch wenn sie getrennte Wege gehen.
Dafür müssen Sie sich weder gut verstehen noch dieselben Werte teilen oder befreundet sein. Es reicht, dass Sie als Eltern zusammenarbeiten, auch wenn Sie als Paar gescheitert sind. Im Mittelpunkt stehen die Kinder, nicht die eigenen Verletzungen.
Die rechtliche Grundlage in Österreich
Hinweis: Dieser Abschnitt ist ein allgemeiner Überblick und keine Rechtsberatung. Mit konkreten Fragen wenden Sie sich an eine Anwältin oder einen Anwalt für Familienrecht oder an eine Familienberatungsstelle.
Die Verantwortung der Eltern heißt in Österreich Obsorge und ist in den §§ 158 ff. ABGB geregelt. In Deutschland spricht man vom Sorgerecht. Für getrennte Eltern ist vor allem wichtig:
- Waren die Eltern bei der Geburt verheiratet, haben sie die Obsorge gemeinsam. Nach einer Trennung oder Scheidung bleibt sie grundsätzlich bei beiden, bis das Gericht etwas anderes entscheidet.
- Bei unverheirateten Eltern hat zunächst die Mutter die Obsorge allein. Die Eltern können die gemeinsame Obsorge beim Standesamt oder vor Gericht bestimmen.
- Bei gemeinsamer Obsorge müssen getrennte Eltern festlegen, in welchem Haushalt das Kind hauptsächlich betreut wird.
- Maßstab aller Entscheidungen ist das Kindeswohl nach § 138 ABGB.
- Streiten Eltern vor Gericht, läuft das Verfahren nach dem Außerstreitgesetz. Das Gericht kann sie verpflichten, eine Beratung zu besuchen oder an einem Erstgespräch über Mediation teilzunehmen (§ 107 Abs. 3 AußStrG).
Betreuungsmodelle im Überblick
Ein richtiges Modell für alle gibt es nicht. Was passt, hängt vom Alter der Kinder ab, von den Wohnorten und Arbeitszeiten der Eltern und auch von den Wünschen des Kindes.
| Modell | Was es bedeutet | Aufteilung ungefähr | Passt oft, wenn |
|---|---|---|---|
| Residenzmodell | das Kind lebt hauptsächlich bei einem Elternteil und ist regelmäßig beim anderen | 80 zu 20 bis 70 zu 30 | die Wohnungen weiter auseinanderliegen oder ein Elternteil wenig Zeit hat |
| Doppelresidenz | das Kind lebt ungefähr gleich lang bei beiden | 50 zu 50 | die Wohnungen nahe beieinanderliegen und die Eltern gut zusammenarbeiten |
| Mischformen | flexible Aufteilung je nach Lebenslage | unterschiedlich | keines der beiden Modelle genau passt |
Die Doppelresidenz
Bei der Doppelresidenz, auch Wechselmodell genannt, teilen sich beide Eltern die Betreuung ungefähr gleich. Das Kind hat zwei Zuhause, und keines davon ist das eigentliche.
In Schweden, wo die Doppelresidenz weit verbreitet ist, haben Forscherinnen und Forscher um Malin Bergström untersucht, wie es Kindern in verschiedenen Modellen geht. Kinder in Doppelresidenz hatten dort im Schnitt eher weniger psychische Beschwerden als Kinder, die überwiegend bei einem Elternteil lebten. Ob das Modell für Ihr Kind passt, hängt trotzdem von Ihrer Situation ab.
Was am meisten zählt
Wichtiger als das Modell ist, wie viel Streit das Kind erlebt. Ein Kind im Residenzmodell, das ständig Konflikte zwischen den Eltern mitbekommt, ist stärker belastet als ein Kind, dessen Eltern gut zusammenarbeiten, egal in welchem Modell. Das ist eines der stabilsten Ergebnisse der Scheidungsforschung.
Woran Co-Parenting oft scheitert
In der Praxis scheitert Co-Parenting oft an denselben Mustern.
Das Kind trägt die Konflikte
Das Kind wird zum Boten, zum Vermittler oder zum Tröster für den traurigen Elternteil. Es hört abfällige Bemerkungen über den anderen und spürt, dass es sich entscheiden soll. Das gehört zum Schädlichsten, was nach einer Trennung passieren kann. Kinder dürfen keine Probleme der Erwachsenen tragen.
Jede Nachricht wird zum Angriff
Jede Nachricht wird als Vorwurf gelesen, jede Terminänderung als Provokation. Auch wenn das Kind nicht direkt dabei ist, spürt es diese Spannung.
Zu unterschiedliche Regeln
Kein Elternteil kann dem anderen vorschreiben, wie er zu Hause lebt. Bei grundlegenden Themen wie Schlafenszeiten, Bildschirmzeit und Hausaufgaben hilft es Kindern aber, wenn die Regeln ähnlich sind. Einigen Sie sich auf ein paar gemeinsame Grundregeln für beide Haushalte. Alles andere darf verschieden sein.
So gelingt Co-Parenting im Alltag
Gutes Co-Parenting entsteht nicht von selbst. Es braucht Struktur, klare Absprachen und die bewusste Entscheidung, das Wohl des Kindes über die eigenen Verletzungen zu stellen.
- Trennen Sie Paarkonflikte von Elternfragen. Was zwischen Ihnen als Paar schiefgegangen ist, hat mit Ihrer Rolle als Eltern nichts zu tun. Das ist schwer, aber möglich.
- Erstellen Sie einen schriftlichen Elternplan mit Betreuungszeiten, Ferien, Entscheidungswegen zu Schule, Gesundheit und Freizeit und mit festen Kommunikationswegen.
- Vereinbaren Sie, wie Sie miteinander reden, etwa per E-Mail oder über eine App. Heikle Themen gehören nicht in spontane Gespräche, wenn die Gefühle hochkochen.
- Respektieren Sie die Zeit des anderen. Ist das Kind beim anderen Elternteil, ist es dort. Ständige Anrufe und Kontrolle untergraben das Vertrauen und belasten das Kind.
- Holen Sie sich früh Unterstützung. Mediation oder Familienberatung hilft am meisten, bevor sich ein Streit festgefahren hat.
- Überprüfen Sie Ihre Absprachen regelmäßig. Was mit drei Jahren gepasst hat, passt mit zehn oft nicht mehr.
Der Elternplan
Ein schriftlicher Elternplan, möglichst bald nach der Trennung erstellt und von beiden unterschrieben, beugt vielen Konflikten vor. Hinein gehören
- die Betreuungszeiten unter der Woche, am Wochenende und an Feiertagen,
- die Ferien, also wer das Kind zu Weihnachten, Ostern und im Sommer hat,
- schulische Fragen wie Elternsprechtage und wer welche Unterlagen bekommt,
- gesundheitliche Fragen und ab wann gemeinsam entschieden wird,
- die Kommunikationswege,
- der Ablauf der Übergaben und
- das Geld, also wer was zahlt und wie Sonderausgaben geteilt werden.
Ein Elternplan lässt sich jederzeit gemeinsam anpassen. Soll er im Streitfall durchsetzbar sein, schließen Sie ihn vor dem Pflegschaftsgericht.
Digitale Hilfe im Alltag
Termine, Absprachen, Ausgaben: Der organisatorische Aufwand im Co-Parenting ist groß. Zweiheim.at hilft getrennten Eltern in Österreich, ihn an einem Ort zu bündeln, mit einem geteilten Betreuungskalender, Nachrichten für sachliche Absprachen, einem Unterhaltsrechner nach österreichischem Recht und einer Übersicht über die Ausgaben. Was festgehalten ist, lässt weniger Raum für Missverständnisse.
Was zusätzlich hilft
- Sprechen Sie vor dem Kind nie schlecht über den anderen Elternteil, auch nicht indirekt oder am Telefon in Hörweite. Kinder fühlen sich beiden Eltern verbunden, und Kritik am anderen trifft auch sie.
- Feiern Sie gemeinsam, wenn es geht. Bei Geburtstagen oder Schulaufführungen zeigt Ihre gemeinsame Anwesenheit dem Kind, dass Sie beide für es da sind.
- Gönnen Sie Ihrem Kind die Freude am anderen Elternteil. Kommt es strahlend vom Wochenende zurück, ist das ein gutes Zeichen.
- Achten Sie auf sich selbst. Wenn es Ihnen zu viel wird, helfen Beratung, Freunde oder eine Selbsthilfegruppe.
- Haben Sie Geduld, mit sich und mit dem anderen. Co-Parenting lernt man nicht über Nacht. Rückschläge gehören dazu.
Sie müssen sich nicht mögen, um gute Co-Eltern zu sein. Es reicht, dass Sie beide das Beste für Ihre Kinder wollen. Das ist ein tragfähiger Anfang.
Häufig gestellte Fragen
Was ist Co-Parenting genau?
Co-Parenting ist die gemeinsame Elternschaft nach einer Trennung. Beide Eltern tragen weiter Verantwortung für ihre Kinder, egal wie die Beziehung zwischen ihnen ist.
Welches Betreuungsmodell ist das beste für mein Kind?
Ein bestes Modell für alle gibt es nicht. Wichtiger als die Frage Residenzmodell oder Doppelresidenz ist, wie viel Streit das Kind erlebt. Ein Residenzmodell mit Eltern, die gut zusammenarbeiten, ist für Kinder besser als eine Doppelresidenz voller Konflikte.
Muss Co-Parenting rechtlich geregelt werden?
Vorgeschrieben ist das nicht. Ein schriftlicher Elternplan schafft aber Klarheit. Durchsetzbar wird er, wenn Sie ihn vor dem Pflegschaftsgericht schließen. Bei Streit kann das Gericht entscheiden.
Was tun, wenn der andere Elternteil nicht mitzieht?
Holen Sie sich Unterstützung, etwa in einer Familienberatungsstelle, wie sie Caritas, Diakonie und viele andere Träger anbieten, oder in einer Mediation. Im äußersten Fall kann das Gericht entscheiden. Halten Sie Absprachen und Vorfälle schriftlich fest.
Bleibt die gemeinsame Obsorge nach der Trennung automatisch bestehen?
Bei Eltern, die verheiratet waren, ja. Sie bleibt grundsätzlich bei beiden, bis das Gericht etwas anderes entscheidet. Unverheiratete Eltern haben die gemeinsame Obsorge nur, wenn sie sie vorher bestimmt haben oder das Gericht sie angeordnet hat.
Funktioniert Co-Parenting auch ohne frühere Liebesbeziehung?
Ja. Manche Menschen entscheiden sich bewusst dafür, gemeinsam ein Kind großzuziehen, ohne ein Paar zu sein. Das braucht besonders klare Absprachen über Erwartungen, Betreuung und Geld, am besten schon vor der Geburt.
Dieser Artikel bietet allgemeine Informationen zur Rechtslage in Österreich und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall. Kostenlose Erstauskunft gibt es zum Beispiel beim Amtstag Ihres Bezirksgerichts oder bei einer Familienberatungsstelle.
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