Familie spielt gemeinsam auf dem Sofa
Foto: Gustavo Fring
Betreuungsmodelle28. März 20267 Min. Lesezeit

Unterhalt bei Doppelresidenz in Österreich: Was 2026 gilt

Betreuen beide Eltern ihr Kind ungefähr gleich viel, glauben viele, dass niemand mehr Unterhalt zahlen muss. Das stimmt so nicht. Hier lesen Sie, wie der OGH den Unterhalt bei Doppelresidenz sieht, wann trotzdem Geld fließt und was bei mehr Betreuung als üblich gilt.

Die Doppelresidenz wirkt auf den ersten Blick wie die fairste Lösung nach einer Trennung. Beim Unterhalt entstehen aber schnell Missverständnisse, und die können teuer werden.

Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ist keine Rechtsberatung. Wie viel Unterhalt in Ihrem Fall zu zahlen ist, lassen Sie bitte von einer Anwältin oder einem Anwalt für Familienrecht, einer Familienberatungsstelle oder der Kinder- und Jugendhilfe berechnen.

Was eine Doppelresidenz ist

Bei einer Doppelresidenz, auch Wechselmodell genannt, lebt das Kind nach der Trennung abwechselnd bei beiden Eltern. Verbreitete Rhythmen sind

  • ein Wechsel jede Woche,
  • der 2-2-5-5-Rhythmus, bei dem das Kind zwei Tage bei einem, zwei beim anderen und dann jeweils fünf Tage verbringt, und
  • ein Wechsel alle zwei Wochen.

Entscheidend ist, dass beide Eltern das Kind zeitlich und vom Umfang her ungefähr gleich betreuen. Ganz exakt halbe-halbe muss es nicht sein.

Die rechtliche Lage

Die Doppelresidenz ist in Österreich zulässig, ein gesetzlicher Regelfall ist sie nicht. Auch bei gleichteiliger Betreuung muss festgelegt werden, in welchem Haushalt das Kind hauptsächlich betreut wird. Das ist vor allem für Meldeadresse und Familienbeihilfe wichtig. Seit einer Entscheidung des Verfassungsgerichtshofs aus 2015 können Gerichte eine Doppelresidenz auch anordnen, wenn sie dem Kindeswohl entspricht.

Den Kindesunterhalt regelt § 231 ABGB. Beide Eltern tragen nach ihren Kräften zum Unterhalt bei. Wer das Kind betreut, leistet seinen Beitrag dadurch.

Der häufigste Irrtum

Viele Eltern gehen davon aus, dass bei halbe-halbe niemand Unterhalt zahlt. Das gilt nur, wenn beide Eltern ungefähr gleich viel verdienen.

Der OGH sieht es so: Betreuen beide Eltern das Kind gleichwertig, leisten beide ihren Unterhalt durch die Betreuung. Verdient ein Elternteil aber deutlich mehr, hat das Kind gegen ihn einen Anspruch auf Restgeldunterhalt. Damit soll das Kind auch im Haushalt des Elternteils, der weniger verdient, ungefähr so leben können wie beim anderen.

Ab welchem Einkommensunterschied das gilt, hat der OGH nicht mit einer festen Zahl festgelegt. Es hängt vom Einzelfall ab. Eine fixe Formel für die Höhe des Restbetrags gibt es ebenfalls nicht. Die Gerichte orientieren sich an der üblichen Prozentsatzmethode und an den Einkommen beider Eltern.

Bedenken Sie auch: Eine Doppelresidenz ist für beide Eltern teurer als ein Residenzmodell. Jeder braucht ein Kinderzimmer, Kleidung, Spielsachen und alles für den Alltag doppelt. Wer sich davon vor allem weniger Unterhalt erhofft, rechnet oft zu knapp.

Mehr Betreuung als üblich, aber keine Doppelresidenz

Viele Familien liegen zwischen Residenzmodell und Doppelresidenz. Auch dann kann sich der Geldunterhalt verringern.

Die Gerichte gehen davon aus, dass ein übliches Kontaktrecht etwa zwei Tage alle zwei Wochen und vier Wochen in den Ferien umfasst. Das verringert den Unterhalt nicht. Betreut der unterhaltspflichtige Elternteil das Kind zusätzlich, kürzt die Rechtsprechung den Unterhalt häufig um etwa 10 Prozent pro zusätzlichem Betreuungstag in der Woche.

Ein Beispiel: Ein Vater hat das Kind jedes zweite Wochenende und zusätzlich jede Woche einen ganzen Tag mit Übernachtung. Sein Geldunterhalt kann dann um rund 10 Prozent niedriger ausfallen.

Diese 10 Prozent sind ein Richtwert, keine starre Regel. Entscheidend ist, ob der andere Elternteil durch die zusätzliche Betreuung tatsächlich spürbar weniger ausgibt, etwa für Essen oder Freizeit. Eine Übernachtung allein reicht dafür nicht immer.

Zwei vereinfachte Beispiele

Die folgenden Beispiele zeigen nur die Richtung. Die tatsächliche Höhe hängt vom Einzelfall ab.

Ähnliche Einkommen

  • Mutter: 2.800 Euro netto im Monat
  • Vater: 3.100 Euro netto im Monat
  • Kind: 7 Jahre, Betreuung halbe-halbe

Die Einkommen liegen nahe beieinander. Beide leisten ihren Unterhalt durch die Betreuung, ein Geldunterhalt fällt wahrscheinlich nicht an.

Deutlich unterschiedliche Einkommen

  • Mutter: 1.800 Euro netto im Monat
  • Vater: 3.600 Euro netto im Monat
  • Kind: 7 Jahre, Betreuung halbe-halbe

Der Vater verdient doppelt so viel. Das Kind hat deshalb gegen ihn wahrscheinlich einen Anspruch auf Restgeldunterhalt, damit es bei der Mutter einen ähnlichen Lebensstandard hat. Wie hoch er ist, sollten Sie im Einzelfall berechnen lassen.

Wofür die Regelbedarfsätze gut sind

Die Regelbedarfsätze geben an, was ein Kind einer bestimmten Altersgruppe durchschnittlich braucht. Sie werden jedes Jahr neu festgelegt und gelten seit 2023 jeweils für ein Kalenderjahr. Für Kinder bis sechs Jahre liegt der Regelbedarf 2026 bei 360 Euro im Monat.

Den Geldunterhalt berechnen die Gerichte trotzdem meist als Prozentsatz vom Nettoeinkommen des unterhaltspflichtigen Elternteils, je nach Alter des Kindes zwischen 16 und 22 Prozent. Der Regelbedarf dient vor allem als Orientierung und als Grundlage für die Obergrenze bei sehr hohen Einkommen. Alle aktuellen Werte finden Sie in unserem Artikel zu den Regelbedarfsätzen.

Sonderkosten bei Doppelresidenz

Ein oft übersehener Punkt: Kosten, die nur ab und zu anfallen, teilen sich bei einer Doppelresidenz nicht von selbst auf. Dazu gehören

  • Schulausflüge und Projektwochen,
  • Arzt- und Zahnarztkosten, die die Kasse nicht übernimmt,
  • Sportausrüstung und Vereinsbeiträge,
  • Nachhilfe und
  • Schulbücher und Schulsachen.

Halten Sie in einer schriftlichen Vereinbarung fest, wer welche Kosten trägt, ab welchem Betrag Sie sich vorher absprechen und wie Sie Belege austauschen. Eine gemeinsame Ausgabenübersicht, etwa in Zweiheim.at, macht nachvollziehbar, wer was bezahlt hat.

Die Familienbeihilfe bei Doppelresidenz

Die Familienbeihilfe bekommt pro Kind nur ein Elternteil, auch bei einer Doppelresidenz. In der Regel ist das der Elternteil, in dessen Haushalt das Kind hauptsächlich betreut wird und hauptgemeldet ist. Bei Unklarheiten entscheidet das Finanzamt.

Halten Sie in Ihrer Vereinbarung fest, wer die Beihilfe bezieht und wie Sie das bei der Aufteilung der Kinderkosten berücksichtigen.

Was in der Praxis hilft

  1. Vergleichen Sie Ihre Einkommen ehrlich. Liegen sie weit auseinander, lassen Sie den Unterhalt von einer Fachperson berechnen, statt sich auf Faustregeln zu verlassen.
  2. Schließen Sie eine schriftliche Vereinbarung über Geldunterhalt, Sonderkosten und Familienbeihilfe ab. Durchsetzbar wird sie, wenn Sie sie vor dem Pflegschaftsgericht schließen.
  3. Klären Sie früh, wer die Familienbeihilfe bekommt.
  4. Schauen Sie sich die Vereinbarung einmal im Jahr an, besonders nach einem Jobwechsel, einer Gehaltserhöhung oder wenn das Kind in eine neue Altersgruppe kommt.
  5. Holen Sie sich Unterstützung. Auch die Kinder- und Jugendhilfe hilft bei Fragen zum Kindesunterhalt.

Häufig gestellte Fragen

Muss ich bei einer Doppelresidenz keinen Unterhalt zahlen?

Nicht automatisch. Verdienen beide Eltern ungefähr gleich viel, fällt der Geldunterhalt oft weg. Verdient einer deutlich mehr, hat das Kind gegen ihn meist einen Anspruch auf Restgeldunterhalt. Eine feste Grenze dafür gibt es nicht, es kommt auf den Einzelfall an.

Wie hoch ist der Regelbedarf 2026?

Für Kinder bis sechs Jahre beträgt er 360 Euro im Monat, für ältere Kinder mehr. Alle Altersgruppen finden Sie in unserem Artikel zu den Regelbedarfsätzen. Den tatsächlichen Unterhalt berechnen die Gerichte meist als Prozentsatz vom Einkommen.

Wird der Unterhalt kleiner, wenn ich mein Kind öfter betreue als üblich?

Oft ja. Betreuen Sie Ihr Kind über das übliche Kontaktrecht hinaus, kürzen Gerichte den Unterhalt häufig um etwa 10 Prozent pro zusätzlichem Betreuungstag in der Woche. Voraussetzung ist, dass der andere Elternteil dadurch tatsächlich spürbar weniger ausgibt.

Wer bekommt die Familienbeihilfe bei einer Doppelresidenz?

Nur ein Elternteil, in der Regel der, in dessen Haushalt das Kind hauptsächlich betreut wird. Wie Sie die Beihilfe bei den Kinderkosten berücksichtigen, können Sie untereinander vereinbaren.

Was passiert mit Sonderkosten wie Arzt oder Schulausflügen?

Sie teilen sich nicht von selbst auf. Am besten regeln Sie schriftlich, wer was trägt und ab welchem Betrag Sie sich vorher absprechen.

Kann das Gericht eine Doppelresidenz anordnen?

Ja, wenn sie dem Kindeswohl entspricht. Das Gericht prüft dabei unter anderem, wie nah die Wohnungen beieinanderliegen und wie gut die Eltern miteinander reden können.

Dieser Artikel bietet allgemeine Informationen zur Rechtslage in Österreich und ersetzt keine Rechtsberatung im Einzelfall. Kostenlose Erstauskunft gibt es zum Beispiel beim Amtstag Ihres Bezirksgerichts oder bei einer Familienberatungsstelle.

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